3/10/2014 0 comments

Die religiöse Tendenz des Okzidents und die Verantwortung der Muslime

Während man in der Postmoderne, also in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, noch von einem vermeintlich atheistischem Grundtenor der Gesellschaft ausging und das modernisierungstheoretische Narrativ des Niedergangs der Religion die Prämisse des alltäglichen Diskurses bildete, werden in jüngster Zeit vor allem akademische Stimmen laut, welche massive Kritik an der Säkularisierungsthese üben und darlegen, dass die sogenannte Postpostmoderne bereits angebrochen sei und dass diese, den von Habermas ins Spiel gebrachten Begriff des Postsäkularimus mit sich bringe, also ein Wiedererstarken des Glaubens.

Ergo ist die Hypothese, dass die Gesamtgesellschaft sich vom Gottesglauben distanzieren würde, ein uns willentlich von gewissen Meinungsbildnern suggeriertes Gaukelspiel. In Entsprechung zu einer Umfrage von Emnid aus dem Jahr 2010 glauben im Westen der Bundesrepublik annähernd drei Viertel der Befragten an einen Gott.

Doch dies ist lediglich eine der beiden Seiten der postpostmodernen Medaille. Die Andere impliziert das Prosperieren des Antitheismus, welcher sich unlängst im „New Atheism“ religionsähnlich organisiert hat, mit provokatorischen Vorzeigeprotagonisten wie Richards Dawkins und Michael Schmidt-Salomon.

Was sich fernerhin konstatieren lässt, ist die rapide Talfahrt, die die kirchlichen Mitgliederzahlen erfahren. Wenn es im Jahr 2007 noch knapp über 90.000 Austritte aus der katholischen Kirche gab, waren es im Jahr 2010 bereits über 180.000, also nahezu doppelt so viele.

Es lässt sich somit eruieren, dass die westliche Gesamtbevölkerung sich von den althergebrachten religiösen Weltanschauungen abwendet, gleichwohl jedoch die durch das Christen-, respektive Judentum ungestillte Gottsuche und das Verlangen nach einer ganzheitlich erfüllenden Grund- und Lebenseinstellung nach wie vor unterminiert ist. Sonach entsteht ein ideologisches Vakuum, welches die Anhänger des neuen Atheismus versuchen missionsartig durch ihre Denkungsart auszufüllen.

Hieraus erschließt sich die den Muslimen auferlegte Verantwortung, nämlich die im Qurʾān als balāġ, tablīġ oder daʿwa signifizierte Verkündigung der Botschaft Allāhs bzw. der Aufruf zu Seinem Wege.

Dabei muss das Augenmerk darauf liegen an zwei Linien gleichzeitig zu agieren, zum Einen die Mitwelt zum Islam zu bitten, indem die subjektiven Relevanzen der islamischen Lehre auf jede nur denkbare Art und Weise dargelegt werden, auf dass vonseiten der Muslime ein saturierendes Substitut für die regressiven anachronistischen Mentalitäten offeriert werden kann und zum Anderen der islamophoben Lobby Schach zu bieten, welche in Pars-pro-toto-Manier versucht das von marginalen ultrakonservativen Extremisten propagierte Gedankengut dem Islam in seiner Gänze aufzustülpen.
 
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